

Das Fallbeispiel der Liebesbeziehung zwischen Graf Wilhelm zu Schaumburg-Lippe und seiner Mätresse Elena Barbanti im 18. Jahrhundert zeigt, dass beide Akteure stark in den zeittypischen Ausdrucksformen der Empfindsamkeit sowie in geschlechtsspezifischen Rollen- und Standesstrukturen verhaftet blieben, wodurch direkte Rückschlüsse auf ihre tatsächlichen Gefühlslagen nur eingeschränkt möglich sind.
Stattdessen verdeutlicht die Untersuchung die prekäre soziale und ökonomische Lage Elena Barbantis, die – anders als Mätressen größerer Höfe – kaum über Einflussmöglichkeiten verfügte und in finanzieller Abhängigkeit verharrte. Diese Asymmetrie erlaubte es Wilhelm, seine Machtposition zu festigen und Verfügbarkeit einzufordern. Dennoch erscheint Elena Barbanti nicht ausschließlich als passives Objekt: Ihre strategischen Entscheidungen, belegen einen gewissen Handlungsspielraum.
Insgesamt widerspricht die Fallstudie der verbreiteten Meistererzählung einflussreicher fürstlicher Geliebter und zeigt stattdessen die Begrenzungen sowie spezifischen Handlungsmöglichkeiten von Mätressen innerhalb kleiner deutscher Fürstentümer auf.
Unlike research into the well-known mistresses of European monarchs, there is a lack of studies on the lovers of lesser German imperial princes. The case study of the romantic relationship between Count William of Schaumburg-Lippe and his mistress Elena Barbanti in the 18th century shows that both individuals remained deeply entrenched in the period’s typical expressions of sentimentality, as well as in gender-specific roles and class structures, meaning that direct conclusions about their actual emotional states are only possible to a limited extent.
Instead, the study highlights the precarious social and economic situation of Elena Barbanti, who – unlike mistresses at larger courts – had little influence and remained financially dependent. This asymmetry allowed William to consolidate his position of power and demand her availability. Nevertheless, Elena Barbanti does not appear solely as a passive object: her strategic decisions demonstrate a certain degree of agency.
Overall, the case study contradicts the widespread dominant narrative of influential princely mistresses and instead highlights the limitations as well as the specific scope for action available to mistresses within small German principalities.
Christian Mühling studierte Geschichte, Romanische Philologie und Evangelische Theologie an den Universitäten Marburg und Paris-Sorbonne. Dort promovierte er 2016 im Rahmen eines cotutelle-de-thèse-Verfahrens mit einer Arbeit zur Entstehung des Epochensignums des Religionskrieges. Sie wurde mit dem Deutsch-Französischen Dissertationspreis, dem Caspar-Olevian-Preis und dem J. F. Gerhard Goeters-Preis der Gesellschaft zur Erforschung der Geschichte des reformierten Protestantismus ausgezeichnet. Seit 2021 ist er Studienrat am Gymnasium Hoffmann-von-Fallersleben-Schule in Braunschweig. Er publiziert über die Geschichte von höfischer Gesellschaft, Sexualität, Religion, Presse und Geschichtsschreibung im Europa der Frühen Neuzeit.
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