

Der Beitrag zeichnet anhand der Bau- und Ausstattungsgeschichte des Hauses seit dem 19. Jahrhundert nach, wie sich unterschiedliche Zeitschichten in der baulichen Struktur, der musealen Praxis und in der Sammlungsgeschichte erhalten haben. Im Zentrum steht das Spannungsverhältnis zwischen visionärer Planung des Architekten August Tiede und den konservativen Anforderungen der Museumsleitung, das letztlich zu einem Bau führte, der schon bei seiner Eröffnung 1889 nicht mehr den aktuellen wissenschaftlichen Anforderungen entsprach. Anhand von Beispielen wie dem historischen Mobiliar, musealen Resten oder Lehrtafeln wird gezeigt, wie sich Funktionswandel, politische Umbrüche und museologische Paradigmenwechsel räumlich und materiell eingeschrieben haben. Mit dem aktuellen Sanierungsprojekt des Museums, das eine Öffnung bisher unzugänglicher Bereiche vorsieht, stellt sich die Frage, wie mit den verbliebenen historischen Schichten umzugehen ist, um Vergangenheit nicht zu tilgen, sondern lesbar zu halten. Das Museum wird dabei selbst zum Forschungsobjekt – als Speicher konservierter Zeit.
The Museum für Naturkunde in Berlin is a rare case study in the architectural, museological, and scientific history of the modern museum. This paper traces how successive “layers of time” have been materially preserved in the building’s structure, its changing uses, and its collections. Central to this history is the conflict between architect August Tiede’s forward-looking, modular design from 1874 and the more traditional expectations of museum officials at the time, which led to a building that was already outdated by its opening in 1889. Using examples such as historical furniture, obsolete teaching aids, and collector’s cabinets, the article illustrates how shifts in function, political regimes, and museum practice have left visible and invisible marks on the institution. In light of current renovations aimed at re-opening previously inaccessible spaces, the museum faces a critical challenge: how to adapt to contemporary needs without erasing its material past. The museum emerges as a palimpsest of knowledge systems, political ideologies, and institutional self-understanding—offering not only natural history, but also the history of how nature has been collected, displayed, and conceptualized over time.
Jutta Helbig ist Kunsthistorikerin. Sie promovierte an der Freien Universität Berlin über die Baugeschichte des Berliner Naturkundemuseums und den Einfluss konkurrierender Wissenschaftsmodelle auf dessen frühe Ausstellungskonzeptionen. Seit 2017 ist sie in unterschiedlichen Funktionen am Berliner Naturkundemuseum tätig und gehört seit 2020 zur Gesamtprojektleitung des Zukunftsplans.
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