


Die Autorin diskutiert aus historischer Perspektive sozialwissenschaftliche Erklärungsansätze, die von einer politischen Andersartigkeit ländlicher Räume ausgehen, etwa Thesen zu „left-behind places", relativer Deprivation und einer gesellschaftlichen Spaltung zwischen kosmopolitischen und kommunitaristischen Milieus. Dabei stellt sie heraus, dass viele aktuellen Erklärungen „ländliche Räume“ als Containerbegriffe nutzen, ohne die Heterogenität von Ländlichkeit in Rechnung zu stellen. Auch Studien, die ländliche Räume als strategisches Ziel rechter Mobilisierung und „Landnahme" untersuchen, einschließlich populistischer Inszenierungen von Ländlichkeit und der Nutzung peripherer Räume als Rückzugsorte, werden im Aufsatz diskutiert. So verdeutlicht die Autorin, wo die Zeitgeschichte zur radikalen Rechten in den interdisziplinären Dialog treten sollte und wo originär historische Ansätze, etwa zur Erinnerungsforschung, Milieuentwicklung etc. die sozialwissenschaftliche Debatte ergänzen und erweitern können.
The article examines the widespread assumption of a particular connection between rural areas and the radical right in Germany. From a historical perspective, the author discusses social scientific explanations that assume a political distinctiveness of rural areas, such as theses on "left-behind places," relative deprivation, and a social divide between cosmopolitan and communitarian milieux. In doing so, she demonstrates that many current explanations use "rural areas" as container concepts without accounting for the heterogeneity of rurality. The article also discusses studies that examine rural areas as strategic targets of right-wing mobilization and "land seizure" (Landnahme), including populist stagings of rurality and the use of peripheral spaces as retreats. Thereby, she clarifies where contemporary history of the radical right should enter into interdisciplinary dialogue and where genuinely historical approaches—such as memory studies and milieu development, can contribute to and expand the social scientific debate.
Anette Schlimm, geb. 1980, ist Zeithistorikerin und forscht zu ländlichen Räumen im 19.-21. Jh., zur radikalen Rechten, besonders zu den historischen Vorläufern heutiger "Reichsbürger", und zur Wissensgeschichte der Moderne. Habilitationsschrift 2020: Übergangsgesellschaften regieren. Drei Dörfer und die Moderne ausgezeichnet mit dem Habilitationspreis der Münchner Universitätsgesellschaft. Veröffentlichungen u.a.: Regieren in der Region. Westfälische Forschungen 72 (Hrsg. 2022).
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