Ulf Otto

Theater aus Distanz

'Distant reading', Computer Vision und die numerische Neuordnung des theaterfotografischen Gedächtnisses


17 Seiten, 5 Abbildungen
Erscheinungsdatum: 15.05.2026

DOI https://doi.org/10.46500/83536093-013

Lizenz CC BY 4.0
Lizenz: CC BY 4.0
Download
AUS DEM BAND:
Buchcover von »Theater aus Distanz«
Theater ordnen
Medien, Praktiken, Politiken

DOI https://doi.org/10.46500/83536093
zum Band

Der Beitrag untersucht Theaterfotografie als kulturelle Praxis der Vermittlung und fragt, wie Fotografien Theater im 20. Jahrhundert ordnen, sichtbar machen und in kulturelles Gedächtnis überführen.


Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Szenenfotos bislang meist repräsentationslogisch verstanden und entweder illustrativ genutzt oder hinsichtlich ihrer Unzulänglichkeit gegenüber der Aufführung diskutiert wurden. Demgegenüber rückt der Beitrag die fotografische Relation selbst in den Vordergrund: Was macht Fotografie aus Theater, wenn sie Proben, Presse, Archive und Forschung durchläuft? Methodisch skizziert der Beitrag einen praxeologisch informierten Zugang, der nicht einzelne kanonische Bilder, sondern große theaterfotografische Korpora in den Blick nimmt. Verfahren des Distant Reading, Distant Viewing und der Computer Vision eröffnen die Möglichkeit, visuelle Konventionen, Körperdarstellungen, Gesten, Konstellationen und historische Veränderungen in der Masse der Bilder zu analysieren. Zugleich reflektiert der Beitrag die epistemischen Probleme dieses Vorgehens: Die numerische Analyse medialer Oberflächen provoziert eine Theaterwissenschaft, die ihren Gegenstand traditionell über Flüchtigkeit und Präsenz bestimmt. Der Einsatz von KI wird daher nicht als neutraler Erkenntnisapparat verstanden, sondern als digitale Hermeneutik, die auch den maschinellen Blick, seine Biases und Fehlklassifikationen zum Gegenstand macht. Abschließend plädiert der Beitrag für Computational Theater Studies als transdisziplinäres Feld.

This article examines theatre photography as a cultural practice of mediation and asks how photographs ordered, visualized, and transferred theatre into cultural memory throughout the twentieth century. It starts from the observation that production photographs have largely been understood within a logic of representation: either used illustratively or discussed in terms of their insufficiency in relation to performance. By contrast, the article foregrounds the photographic relation itself: What does photography do to theatre as it moves through rehearsals, press offices, archives, and scholarly research? Methodologically, the article outlines a praxeologically informed approach that shifts attention from individual canonical images to large theatre-photographic corpora. Drawing on distant reading, distant viewing, and computer vision, it explores how visual conventions, bodies, gestures, scenic constellations, and historical transformations can be analyzed across masses of images. At the same time, it reflects on the epistemic challenges of such an approach: the numerical analysis of medial surfaces unsettles a theatre studies paradigm traditionally grounded in ephemerality and presence. Artificial intelligence is therefore not treated as a neutral instrument of knowledge, but as a form of digital hermeneutics that also makes the machine gaze, its biases, and its misclassifications an object of inquiry. The article concludes by arguing for Computational Theatre Studies as a transdisciplinary field.


Ulf Otto

Ulf Otto ist Professor für Theaterwissenschaft mit Schwerpunkt Intermedialitätsforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zu seinen Forschungsgebieten zählen zeitgenössische Theaterformen, Theater und Technikgeschichte, digitale Kulturen und Methoden sowie Theatersoziologie. Nähere Informationen unter www.ulf-otto.de

mehr


Kategorien

Schlagworte
Theatergeschichte, Distant Reading, Digital Humanities, Theaterfotografie, Computer Vision, Kulturelles Gedächtnis, Theaterbetrieb, Ordnung, Recherche, Aufführung, Darstellende Kunst, Verwaltung, Archiv, Dokumente, Handbücher, Metadaten
Thema
DSBH, ATA, ATDF, ATDH
Bisac-Code
PER011000, LAN025020, FOR009000

Weitere Beiträge des Bandes

Seite 5-6Inhalt
Thekla Neuß, Lotte Schüßler
Seite 7-24Theater ordnen
Andreas Wolfsteiner
Seite 27-48Stages of Bureaucracy
Halvard Schommartz
Seite 49-68Die Organisierung des Theaters
Anna Raisich
Seite 69-90'Work Accounts'
Jule Gorke
Seite 93-110Manifeste zur Instandhaltung
Ekaterina Trachsel
Seite 111-128'A Bloody Mess!'
Carolina Heberling
Seite 153-170Man würde so gerne mal aufräumen
Lisa Skwirblies
Seite 171-189Imperiale Ordnungsfantasien
Lisa-Friederike Seidler
Seite 191-210Theater als Wurfbude
Lotte Schüßler
Seite 213-234Ordnungsversuche im Medienwechsel
Signe Rotter-Broman, Dörthe Günther
Seite 235-263Die (Un-)Ordnung der "Schwesterkünste"
Ulf Otto
Seite 267-283 Theater aus Distanz
Nora Probst
Seite 285-310"Whatever is unnamed …"
Seite 311-314Abbildungen
Seite 315-317Kurzbiografien


Weitere Empfehlungen

Buchcover von »"Verschwinden"«
Buchcover von »Simulative Souveränität«
Buchcover von »Männer, Helden und Held:innen«
Buchcover von »Formen des Ganzen«
Buchcover von »Nachromantische Exzentrik«