


Diese werden als exerzitiale Praktiken verstanden, durch die sich ein musikalisches Selbst formiert. Musikalische Exerzitien sind von einer Ambivalenz geprägt, die sich systematisch auf die Spannung zwischen Disziplinierung und einer ‚Ästhetik der Existenz‘ beziehen lässt, wie sie auch Michel Foucaults Analyse praktischer Subjektformierung prägt. Der Beitrag zeigt dies an zwei Beispielen aus dem 19. und 20. Jahrhundert: Das Tagebuch der Pianistin Clara Schumann (1819-1896) ist als Dokument einer schreibenden Selbstpraxis zu sehen. Es legt von der komplementären Selbstpraxis des Musizierens und Übens Zeugnis und Rechenschaft ab und zeigt das Bedingungs- und Wechselverhältnis von Disziplinierung und Selbstsorge. Roland Barthes’ Musik-Essayistik der 1970er Jahre weist ebenfalls eine autobiographische Dimension auf. Barthes’ Texte entwerfen eine praxeologische Musikästhetik, die den Aspekt der Disziplinierung tendenziell ausblendet und in eine ästhetisch-existenzielle Utopie, nicht aber in eine kritische Analyse ästhetischer Praktiken mündet.
This article shows how two interrelated and intertwined practices are connected: writing and playing the piano. These are considered as exercises forming a musical self. Musical exercises are characterized by an ambivalence that can be systematically related to the tension between discipline and an “aesthetics of existence” as in Michel Foucault's analysis of practical subject formation. The article demonstrates this using two examples from the 19th and 20th centuries: The diary of pianist Clara Schumann (1819-1896) is a document of self-formation through writing. It provides an account of musical exercise as the complementary self-practice, and shows the reciprocal relationship between discipline and self-care in the musical self. Roland Barthes's music essays from the 1970s also have an autobiographical dimension. Barthes's texts outline a praxeological music aesthetic that tends to obscure the aspect of discipline. This leads to an aesthetic-existential utopia rather than to a critical analysis of aesthetic practices.
Florian Schmidt wurde 2017 an der Universität Münster mit der Arbeit "Rechtsgefühl. Subjektivierung in Recht und Literatur um 1800" promoviert. Seit 2018 lehrt und forscht er an der Universität Tübingen zum Verhältnis von Musik und Literatur vom 18. bis 20. Jahrhundert insbesondere mit Blick auf Materialitäts- und Technikreflexion, zu Recht und Literatur (Rechtsgefühl, Menschenrechte, Recht als Kulturtechnik), zur Kulturgeschichte des Gefühls im 18. und 19. Jahrhundert sowie zum politischen Drama des 18. Jahrhunderts.
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